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...das Grusel-Lernspiel von Peter Engehausen!


Warum der Informatikunterricht am Ende ist...

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Ich nehme seit einem Jahr an einer Weiterbildungsmaßnahme (VLIN) teil, durch die ich die Lehrbefähigung für das Fach Informatik erwerben kann. Prof. Dr. Modrow, der die Weiterbildungs- maßnahme und die Referendarsausbildung für Informatiklehrkräfte in Göttingen leitet, hat wiederholt auf die kritische Entwicklung dieses Faches hingewiesen. Worum geht es genau?

In den 80er Jahren wurden ca. 1000 Lehrkräfte durch eine Weiterbildungsmaßnahme zu Informatiklehrerinnen und –lehrern ausgebildet. Davon hat sich ein Teil schon vor Jahren aus dem „aktiven Unterricht“ zurückgezogen. Ein Großteil der Lehrkräfte wird in den nächsten 10-15 Jahren in den Ruhestand gehen. Die Versorgung mit Informatiklehrern ist bereits so schlecht, dass Informatik als Unterrichtsfach in der Sek. I nicht mehr flächendeckend angeboten werden kann. Entsprechende Pläne für die Sek. I gab es und wurden verworfen.

Durch die letzte Oberstufenreform ist es zwar möglich, dass alle Schüler, die eine zweite Naturwissenschaft belegen müssen, auch Informatik belegen können, doch ist das Zustandekommen entsprechender Kurse keine Selbstverständlichkeit. Abiturprüfungen, die ebenso denkbar wären, kommen derzeit nur in Göttingen und Gifhorn zustande, wo Oberstufen aus verschieden Schulen gemeinsame „Stadtleisten“ bilden. Dort werden also Kurse mit Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Schulen gebildet. Eine solche Zusammenarbeit mit anderen Schulen kommt aber für Sarstedt nicht in Frage. Prof. Dr. Modrow ist der Ansicht, dass die Informatik in der Sek. I gestärkt werden müsste, um falsche Erwartungen, mit denen die Schülerinnen und Schüler z. T. in der 11. Klasse das Fach anwählen, abzubauen und ein festeres Fundament für das Fach insgesamt zu schaffen.

Die Zukunft des Faches ist durch die mangelnde Lehrerversorgung ernsthaft bedroht. Zurzeit wird gerade in Göttingen an der Universität Informatik als reguläres Unterrichtsfach für das Lehramtstudium aufgebaut. Ob aber angesichts der ungewissen Zukunft des Faches an Schulen tatsächlich genügend Studentinnen und Studenten gefunden werden können ist fraglich. Es gibt eine sehr geringe Anzahl von Studentinnen und Studenten, die während des Studiums Informatik als Erweiterungsfach studieren. Diese könnte man, so Prof. Dr. Modrow, einzeln per Handschlag begrüßen. Ebenso ist die Anzahl der Informatiker und Informatikerinnen, die in den Schuldienst wechseln verschwindend gering. Insgesamt treten zusammen mit den durch VLIN ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern ca. neue 10-15 Lehrkräfte pro Jahr ihren Dienst an.

Ändert sich nichts an den Ausbildungszahlen, so gibt es für das Unterrichtsfach Informatik keine Zukunft und die Schulen fallen zurück in die Ära der 80er Jahre.

Dieses ist haarsträubend, wenn man bedenkt, welche Bedeutung das Fach für die Wirtschaft und für das Technologieland Deutschland hat. Gerade in der jüngeren Zeit zeigt sich erneut ein steigender Bedarf an solide ausgebildeten Informatiklehrkräften.

Warum werden so wenig Informatiklehrerinnen und -lehrer ausgebildet? Zum einen, weil Informatik seit Jahrzehnten zwar als reguläres Schulfach angeboten wird aber zugleich im Lehramtstudium Informatik nur als Erweiterungsfach zugelassen wurde. Für Studentinnen und Studenten, die in der Regelstudienzeit ihren Abschluss machen wollen, ist dieses kaum eine Option.
Zum anderen, weil die Weiterbildungsmaßnahme VLIN, eine hohe Belastung für die Teilnehmer darstellt. Als ich mich zu ersten Mal bei Prof. Dr. Modrow über VLIN erkundigte, fragte er mich als erstes, ob ich verheiratet sei. Als ich irritiert zurückfragte, warum dies wichtig sei, antwortete er: „VLIN ist ein Scheidungsgrund!“. Folgendes zeigt komprimiert, wie belastend die Weiterbildung ist: Es gibt für die Teilnehmer keine zeitliche Entlastung durch die Landesschulbehörde. Sprich die Teilnehmer müssen in ihrer „Freizeit“, Unterlagen studieren, Aufgabenzettel bearbeiten (d. h. programmieren) und Semesterarbeiten schreiben. Die meisten Kandidaten für die Weiterbildungsmaßnahme sind junge Lehrkräfte, die gerade eine Familie gegründet haben oder ein Haus bauen oder gekauft haben und oft mit voller Stundenzahl in der Schule arbeiten. Es ist nicht verwunderlich, dass nur wenige Idealisten und Computerbegeisterte dieses alles auf sich nehmen. Auch die Aussteigerrate ist wegen der zeitlichen Belastung unerfreulich hoch.

Technik und Naturwissenschaften spielen am Gymnasium eine untergeordnete Rolle. Dieses wird allein dadurch deutlich, wenn man die Stunden, die die Schüler belegen müssen, in den Bereichen A, B und C getrennt zusammen zählt.
Aber auch der Austausch mit Kollegen und Dozenten bestätigt meinen Eindruck, dass in unserem heutigen Bildungssystem am Gymnasium Defizite im Hinblick auf die technischen Inhalte bestehen. Das fängt schon damit an, dass Schüler z. T. nicht wissen, wie man einen Nagel in die Wand schlägt. Die Folge dieses „Technikmangels“ sind sinkende Studentenzahlen in den technischen Berufen und insbesondere ein starker Mangeln an Informatikern . Die vor einigen Jahren in den Medien diskutierte „Greencard“ konnte diesen Mangel nicht ausgleichen, so dass Firmen Entwicklungsprojekte ins Ausland (Indien / China) verlagern. Nicht weil es dort billiger ist oder das Personal dort besser qualifiziert ist, sondern weil man hier keine Fachkräfte mehr findet. Auf diese Problematik weißt kein geringerer als der Microsoft-Gründer Bill Gates in seiner kürzlich in München gehaltenen Rede hin [ >>> Artikel ].

Informatik hat sich mittlerweile zu einem Fach mit großer Bandbreite entwickelt, das in viele Bereiche des Lebens hineinreicht. Entsprechend hat die Nachfrage zugenommen. Auch das Ingenieurswesen steht vor ähnlichen Nachwuchsproblemen. Ursache dafür ist nicht zuletzt, dass Schüler im heutigen Bildungssystem (am Gymnasium) kaum Kontakt mit technischen Denk- und Arbeitsweisen erhalten. Dieses schon zuvor erwähnte Defizit hat historische Gründe: Während sich in der Vergangenheit Ingenieure aus Realschülern rekrutierten, haben fast alle angehenden Ingenieure heute die Hochschulreife, ohne dass diese Verschiebung sich in Unterrichtsinhalten des Gymnasiums niedergeschlagen hat. Je nach Stundentafel konzentrieren sich 43%-46% aller Unterrichtsstunden allein auf den Bereich A (Sprachen, Musik, Kunst)!

In Informatik werden die Probleme durch die völlig unzureichende Lehrerausbildung verstärkt, wobei paradoxerweise der Mangel an ausgebildeten Informatiklehrkräften dazu geführt hat, dass das Fach ein Schattendasein führt (- führen muss!). Das Fach wird scheinbar im Kultusministerium nicht ernst genommen.

Wenn nicht die Eltern (potentielle Wähler!) Druck auf die Landesregierung ausüben, dann wird erst gehandelt, wenn es schon für mehre Schüler-Jahrgänge zu spät ist! Diesen Schülerinnen und Schülern werden Zukunftschancen genommen. Vom Schaden am „Forschungsstandort Deutschland“ einmal abgesehen! Erst wenn die Defizite überdeutlich werden, werden (müssen!) die Politiker handeln – und können sich dann als „Retter“ präsentieren… Warum nicht schon jetzt handeln???

Anbei noch ein Hilferuf aus der Universitätsstadt Göttingen von Prof. Dr. Dieter Hogrefe vom Institut für Informatik.

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Aktuelle Meldungen:

  • 23.04.2007: Abbrecherquote - Nur jeder zweite, der ein Informatikstudium beginnt, bringt es auch zu einem Abschluss. Die Universität Potsdam will Informatikinteressenten nun mit einem Eingangstest besser auf das Studium vorbereiten. [ >>> Link: Quelle ], [ >>> Link: Uni Potsdam ], [ >>> Link: weitere Selbsttests ]
    Kommentar: Schade, dass die Schüler nicht schon in der Schule erfahren dürfen, was Informatik wirklich ist!
  • 01.03.2007: Alarmstufe Rot! - Neuste Studien des Verbandes Deutscher Ingenieure zeigen: Das Interesse von Schülern an technischen Fachberufen sinkt, die Bewerberzahlen sind stak rückläufig. Schon heute fehlen 15.000 Ingenieure in Deutschland! Dabei ist ein rohstoffarmes Land - wie die Bundesrepublik - besonders darauf angewiesen, seine Zukunft durch kompetente Ingenieure, innovative Produkte und neue Technologien zu sicher... (Quelle: life+science, Feb.-April 2007, 4. Jahrgang, Heft 1)
    Kommentar: Nichts Neues! Aber es tut sich auch nichts... Hilfreiche Links zur Förderung & Ausbildung: [ >>> www.schule-bewegt.de ], [ >>> THINK ING (Informationsplattform) ]
  • 01.03.2007: Mathe-Führerschein - Nicht nur Studenten der Mathematik werden in den ersten Semestern mit den Grundlagen der Mathematik bombardiert. Auch Wirtschaftswissenschaftler, Medizin- und Biotechniker, Physiker, Informatiker und andere bekommen beim Blick auf die Studienverlaufspläne oft einen Schock. Ein Online-Mathekurs (Testbetrieb) kann helfen Lücken zu schließen. [ >>> Matheführerschein (Benutzername und Passwort: mfonline) ]